Unser Tabernakel – eine Replik

Heute las ich beim Frühstück im Feuilleton der aktuellen Ausgabe der Zeit (Nr. 15, 8. April 2010, S. 45) einen Artikel zum iPad. In dem Artikel geht es (mal wieder) darum, das Apple-Fans fast schon religiöse Gefühle ggü. der Firma Apple Inc. hegen würden und deren Gerätschaften wie kostbare heilige Reliquien des großen Gurus Steve behandelten.

Mich nervts. Total. Was soll dieser Unsinn?

Empörte Katholiken, so meldete eine süddeutsche Zeitung, stehen in diesen Tagen vor Standesämtern und Amtsgerichten Schlange, um aus der Kirche auszutreten. Andere, weitaus längere Schlangen bildeten sich Ostern in den Vereinigten Staaten, wo die berühmte Elektrofirma Apple Inc. ihrer Gemeinde den neuen Tablet-Minicomputer iPad zu Füßen legte. Natürlich, die eine Schlangenbildung hat mit der anderen nichts zu tun, und doch ist diese Parallele von großer symbolischer Prägnanz.

Nein, ist sie nicht. Da ist gar nichts prägnant. Aus der Kirche treten Leute aus, weil sie diese Institution ablehnen. Weil alte, verwirrte Männer dummes Zeug über den Mißbrauch kleiner Kinder, die Gefährlichkeit von Kondomen und anderen Unfug reden oder was weiß ich warum. Apple hat keine Gemeinde, in die man ein- oder austreten kann. Apple ist eine stinknormale Firma, die sich aktuell durch gutes Marketing, marktgerechte Produkte und massentaugliches Design auszeichnet. Die Folge ist Erfolg. Aber wenn ich so etwas lese:

Denn auch die Firma Apple ist eine kirchenähnliche Organisation, die mit missionarischem Eifer gegen ein neurömisches Weltreich kämpft, gegen das Imperium von Microsoft. An der Spitze der Apple-Weltkirche steht der Papst Steve Jobs, der während seines Pontifikats…

… krieg´ ich gehörige Kopfschmerzen.

Davon mal abgesehen, dass eine Firma wie Apple ganz sicher nicht einmal im entferntesten etwas mit einer Glaubensgemeinschaft zu tun hat (was für ein grandioser Blödsinn!), kämpft Apple mitnichten gegen irgendwen. Apple versucht, Marktanteile zu gewinnen und Geld zu verdienen. Zu dem Zweck entwickelt Apple Produkte, die die Leute benutzen möchten, weil sie einen Mehrwert im Vergleich zu Konkurrenzprodukten bieten. Wenn dafür Exchange-Unterstützung, Bootcamp, Intel-Prozessoren, Office:mac etc. hilfreich sind, dann machen sie das. Steve Jobs ist nur der Vorstandsvorsitzende von dem Laden. Sicher ein bemerkenswerter Manager mit Sinn für den Markt. Aber kein Papst.

Warum haben Hunderte von Bloggern beim unboxing, dem Auspacken des iPads, das Wunderding wie einen Kultgegenstand gen Himmel gereckt – als seien sie die neuen Priester einer Techno-Religion, die im Begriff steht, die alten Religionen abzulösen?

Meine Güte. Geeks machen sowas. Und lachen drüber. Ganz sicher haben sie dabei nichts göttliches im Sinn. Sowas ist die Folge gut gemachten Verpackungsdesigns 🙂 Als der UPS-Mensch mein MacBook Pro brachte, meinte die beste Frau von allen sogar,“Mensch, die machen ja sogar schicke Kartons!“. Eben.

Die Apple-Religion verspricht nicht einen neuen Himmel und nicht eine neue Erde; sie beruhigt lediglich die Dauerpanik des Subjekts. Sie verspricht ihm hoch und heilig, dass es im alternativlosen Chaos der unverbesserlichen Welt nicht aus dem Netz fällt oder in den Schwarzen Löchern der Kommunikation auf immer verschwindet.

Was auch immer die Apple-Religion sein soll. Ich habe noch keine entdecken können. Und weder ich noch andere mir bekannte Leute, die mit Macs arbeiten, vergöttern Steve Jobs, Apple oder überhaupt jemanden. Ich bin doch nicht bescheuert.

Mir geht es echt auf den Wecker, dass Apple-User in so eine Schublade gesteckt werden. So nach dem Motto „Die sind nicht ganz dicht, beten ihre Computer an, erwarten jede Keynote wie die Bergpredigt u.s.w … “ . Nein, das mache ich nicht. Trotzdem finde ich aus einer ganz professionellen Perspektive das Marketing von Apple ziemlich cool. Ich habe keine Ahnung, ob der Autor dieses Zeit-Artikels viel mit Computern, Medien, dem Netz zu tun hat. Wenn doch, dann sollte er dringend mal Mac OS X ausprobieren. Oder ein MacBook Pro. Zum arbeiten! (nicht zum beten, nicht zum spielen – nur zum arbeiten).

Dann würde dieser Mensch sicher kapieren, dass ein echtes UNIX aus technischer Sicht eine vernünftige Sache ist, eine Benutzeroberfläche tatsächlich gut funktionieren kann, und dass es einen Unterschied macht, ob man tagein-tagaus auf einer Klapperschepper-Tastatur herumdödelt und dabei auf ein finsteres Flacker-LCD starrt – anstatt ein knallscharfes LCD mit erweitertem Farbraum, LED-Backlight und eine Tastatur, die weder scheppert noch klappert, zu benutzen. Und die sogar, nebenbei bemerkt, das exakt gleiche Anschlagfeeling wie die Desktop-Tastatur zuhause hat. Und wie cool es z.B. ist, wenn auf der iDisk daheim das im Büro begonnene Spreadsheet schon darauf wartet, weiter bearbeitet zu werden. Ohne, dass man sich irgendwelche Gedanken darum machen muss, wie mobileme das für einen erledigt.

Deswegen benutzen Leute Apple-Computer. Weil das Gesamtsystem gut funktioniert und das tut, was es soll: einem die Arbeit erleichtern.

Was das Internet, Apple, Computer, Software oder anderer Technikkram mit Religion zu tun haben, wissen sicher nur die Götter selbst (oder der Geier, der weiß ja sonst alles).

Euch eine menschliche Zeit.

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