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vom spießertum

Ich weiss nicht, wie es euch geht. Aber mir kommt es vor, als würde die sache mit dem spießertum immer mehr um sich greifen. Vielleicht hängt´s damit zusammen, dass die 68er ziemlich genau 40 jahre her sind (habe ich im kopf ausgerechnet) und nun die generation golf endgültig das ruder übernommen hat. Wir, die spätgeborenen: Überlebende des pillenknicks, erfinder der neuen deutschen welle, auf yps-hefte geprägte zöglinge einer vollkaskogesellschaft.

Es scheint, als wäre da ein automatismus am werke: Man ist beruflich etabliert, verheiratet, hat kinder gezeugt oder sich voller inbrunst dem dinki-sein verschrieben, ist stolz auf den stilvollen maschendrahtzaun, den man zwischen sich und dem nachbargrundstück gezogen hat und dergleichen mehr. Wenn all´ dies getan ist wird das hirn in den standby-modus geschaltet und man wird, ob man will oder nicht, zum spießer. Mist, klar! Aber so siehts aus.

Vielleicht ist es ja doch anders. Wahrscheinlich sogar. Ich vermute, dass die spießer schon immer spießer waren. Von spießern erzogene spießer, sozusagen. Aber wer weiß das schon so genau.

Wikipedia meint, ein spießer sei “[…] eine Person, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen, Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung, Komfortismus und starkem Bedürfnis nach Sicherheit auszeichnet. “ . Sehe ich jeden tag, live und in farbe beim blick aus dem fenster. Und was sehe ich beim blick in den spiegel? Aber das ist diese sorte von fragen, die man sich besser nicht stellt.

Geistige unbeweglichkeit und sicherheitsbedürfnis, ist das “the root of all evil“?

Man paßt sich an, trägt nie verantwortung und erhebt es zur lebensmaxime, sich wegzuducken. Ich erinnere mich gut an die unternehmensunkultur in einer großen firma, in der ich als junger ingenieur arbeitete. Dort wurde jeder mist in “meetings“ entschieden und die protokolle derselben waren so verfaßt, dass eine entscheidung nie einem einzelnen menschen zugerechnet werden konnte. Ich hielt es da gerade mal ein halbes jahr aus. Furchtbar. Im übrigen erwies es sich, dass besagte firma in den folgejahren ziemlich den bach runterging, was eine logische folge dieser unkultur war. Unternehmen, in denen keiner was unternimmt, pflegen eben den bach runter zu gehen.

Doch: Irgendwie sind sie ja auch notwendig, die spießer. Man denke sich eine gesellschaft von nonkonformisten, freidenkern und kreativen – wer würde dann die ganzen sachen erledigen die nur spießer tun können? Wer z.b. würde den schwarzwälder boten schreiben – eine unfaßbar spießige tageszeitung; wer wegen eines baumes im nachbargarten vor gericht ziehen – und so einer ganzen armada von spießeranwälten den lebensunterhalt sichern?

Wenn die “nicht-spießer“ …

[…] Personen, die sich durch geistige Beweglichkeit, eine gewisse Unangepaßtheit an gesellschaftliche Normen, Mut und Wille zur Veränderung, die Neigung, unbequeme Weg zu gehen und die Fähigkeit, mit der Ungewissheit der Zukunft umzugehen auszeichnen.

… plötzlich in der Mehrzahl wären, hätten sie ein definitionsproblem. Der spießer braucht den freidenker genau so wie umgekehrt. Das eine macht ohne das andere keinen sinn. Man braucht den spießer um festzustellen, das man keiner ist.

Ich denke gerade an den unvergessenen Douglas Adams. Ford Prefect, der galaktische wird-schon-werden-nichtspiesser als gegenpol zu den ultraspiessigen vogonen. Auf wundersame weise identifizierte ich mich beim lesen der geschichte mit Ford Prefect und vor meinem geistigen auge sah ich vogonische nachbarn, die sich grün anlaufend über vorschriftswidrig aufgestellte komposthaufen ereifern oder bizarr gekleidete priester, für die sexualität in der "nur-zum-spaß"-variante eine sünde ist nur weil das in irgendeinem heiligen buch steht – das von menschen geschrieben wurde die so unsagbar ungebildet waren dass sie dachten, die erde sei eine scheibe. Obwohl ich stark bezweifle, dass sie überhaupt darüber nachdachten welche geometrische form unser planet hat.

Ich denke jetzt mal drüber nach, wer das da ist, der typ da im spiegel.

Euch eine menschliche zeit im spannenden zwigespräch mit dem spiegelbild.